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NS "Euthanasie"

Annas Geschichte

Gedenkzeichen

Ännes letzte Reise

Stolperstein

Bedburg-Hau

Fotos Grafeneck 2006

Erinnerungskultur

Angehörige

Namensnennung

Patientenakten

Unvergessen

"Aktion T4" Berlin

Fotos "T4" Ort 2006

Wettbewerb "T4" 2012

Erinnerungsort 2014

Archiv

Erinnerungsarbeit Gegen das Vergessen

Das Vergessen der Vernichtung ist Teil der Vernichtung selbst. (Jean Baudrillard)

Blick aus dem Untergeschoss der Topographie des Terrors

(c) Foto S. Falkenstein

Auf dass kein Gras über die Geschichte wachse ...


Angehörige ] Namen ] Patientenakten ] Unvergessen ]


Schweigen und Verdrängen nach 1945

Das Schweigen in meiner Familie - Spiegel eines gesamtgesellschaftlichen Prozesses

Als ich 2003 den Namen meiner Tante Anna Lehnkering per Zufall auf einer Liste von Opfern der nationalsozialistischen "Euthanasie"-Verbrechen im Internet fand, war das ein Schock. Bis dahin hatte man Annas Schicksal in meiner Familie verschwiegen. Heute weiß ich, dass dieses Schweigen Spiegel eines gesamtgesellschaftlichen Prozesses von Verdrängen, Vertuschen und Verleugnen der Verbrechen war.

Ideologie und Praxis der nationalsozialistischen Rassenhygiene haben als historische Erfahrung in der deutschen Gesellschaft noch lange nach 1945 nachgewirkt. Das Stigma der „Erbminderwertigkeit“ hinterließ Spuren. Die Scham blieb und verhinderte in vielen Familien eine aktive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Es kam erschwerend hinzu, dass die Ermordeten, die Überlebenden und ihre Familien auch nach Kriegsende weiterhin in beiden deutschen Staaten diskriminiert und stigmatisiert wurden.

In den Anfangsjahren nach dem Krieg gab es zwar Versuche, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Doch nur ein Bruchteil von ihnen wurde vor Gericht gestellt und nur wenige wurden verurteilt. Viele setzten ihre Karrieren fort. Ein typisches Beispiel ist der Werdegang von Annas Mörder Horst Schumann. Nach dem Krieg praktizierte er zunächst als Arzt. Als er nach zwischenzeitlicher Flucht in den siebziger Jahren vor Gericht gestellt wurde, geriet der Prozess zum Justizskandal. Kollegen bescheinigten dem Angeklagten in zweifelhaften Gutachten, dass er wegen seines Bluthochdrucks verhandlungsunfähig sei. Der Prozess wurde eingestellt. Bis zu seinem Tod 1983 lebte Schumann mehr als zehn Jahre unbehelligt.

Die gesellschaftliche, juristische und politische Aufarbeitung geschah insgesamt äußerst stockend und völlig unzureichend. Kein Wunder also, dass ein Teufelskreis von Schweigen, Verdrängen und Tabuisieren entstand, der die geschichtliche Aufarbeitung und ein angemessenes Gedenken für die vielen hunderttausend Opfer von „Euthanasie“ und Zwangssterilisation jahrzehntelang verhinderte.

 

Später Beginn der Gedenk- und Erinnerungsarbeit

Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer war eine der rühmlichen Ausnahmen, die versuchten, das "Schweigekartell" zu durchbrechen. Doch die von Bauer in den 60er Jahren begonnenen Ermittlungen gegen mutmaßliche Schreibtischtäter der "Euthanasie" wurden eingestellt. Sein Wirken wurde erst viele Jahre später gewürdigt.

Besonders hervorzuheben ist die Pionierarbeit von Ernst Klee, der in den 70er Jahren mit der Aufarbeitung der Medizinverbrechen begonnen hat und dessen Buch »Euthanasie« im Dritten Reich: Die »Vernichtung lebensunwerten Lebens« bis heute Standardwerk zur NS-"Euthanasie" ist. Ohne seine Recherchen hätte ich den Weg meiner Tante Anna von der Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau in die Gaskammer von Grafeneck nicht so genau nachverfolgen können. Ernst Klee hat sich über das Buch "Annas Spuren" gefreut, und ich bin froh, dass ich mich wenige Monate vor seinem Tod 2013 persönlich bei ihm bedanken konnte.

Anfang der 80er Jahre begann man an verschiedenen Orten in der BRD, sich mit der Geschichte der NS-Medizinverbrechen auseinanderzusetzen. So wurde damals der Arbeitskreis Erforschung der NS „Euthanasie“ und Zwangssterilisation gegründet. Mitglieder des AK sind heute Angehörige, Pflegekräfte, Ärzte, Theologen, Historiker, Juristen, Gedenkstättenmitarbeiter, Pädagogen, Psychologen und viele mehr.

Ein weiteres Beispiel für die Anfänge der Gedenk- und Erinnerungsarbeit ist das Engagement der Westberliner Geschichtswerkstatt und die Initiative von Götz Aly, denen es zu verdanken ist, dass in den 80er Jahren ein erster Ort des Gedenkens an der Tiergartenstraße 4 entstehen konnte.

Auch der 1987 gegründete Bund der "Euthanasie"-Geschädigten und Zwangssterilisierten hat sich um die Erinnerung an die Opfer und vor allem um die politische Aufarbeitung der Verbrechen verdient gemacht.

 

Das deutsche Parlament

Man kann wohl sagen, dass das deutsche Parlament historische Schuld auf sich geladen hat. Beispielsweise berief es in den 60er Jahren Werner Villinger, ehemaliger T4-Gutachter und Befürworter von Zwangssterilisation, als Gutachter des Wiedergutmachungsausschusses des Deutschen Bundestages. Villinger wendete sich gegen eine finanzielle Entschädigung "seiner" Opfer und sprach zynisch von einer "Entschädigungsneurose". Das führte dazu, dass die Opfer der NS-Zwangssterilisation nicht unter das Bundesentschädigungsgesetz fielen. Unfassbar - Werner Villinger erhielt sogar das Große Bundesverdienstkreuz.

In diesen Kontext gehört, dass der Deutsche Bundestag das Erbgesundheitsgesetz erst 2007 zu einem NS-Unrechtsgesetz erklärt hat, unvereinbar mit dem Grundgesetz.

Am 27. Januar 2011, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, stimmten dann zwar alle Parteien einem Antrag zu Entschädigungsleistungen für Opfer der Zwangssterilisierung und der „Euthanasie“ in der Zeit des Nationalsozialismus zu. Doch das Plenum war fast leer und wieder einmal wurde die historische Chance vertan, die Opfer als rassisch Verfolgte anzuerkennen. So sind sie bis heute den anderen NS-Verfolgten nicht gleichgestellt. Es ist allerhöchste Zeit, das zu ändern, bevor die letzten direkt Betroffenen gestorben sind.

Es gibt positive Zeichen, die auf eine Veränderung hinweisen. Mehr dazu weiter unten ...

Veränderungen der deutschen Erinnerungskultur

Die Nennung der Namen von "Euthanasie"-Opfern

Die Recherchen der Angehörigen sind oft mühsam. Dass Anna heute einen festen Platz im Familiengedächtnis hat, war unter anderem möglich, weil ich ihren Namen auf einer nach deutschem Recht illegalen Liste gefunden habe. Archivregelungen haben die öffentliche Nennung der Namen von "Euthanasie"-Opfern lange verhindert. Mit Bezug auf Datenschutzrichtlinien wurde argumentiert, man müsse auf die schutzwürdigen Belange Dritter - gemeint waren die heute lebenden Angehörigen - Rücksicht nehmen. Sie könnten sich stigmatisiert fühlen - eine aus meiner Sicht empörende Argumentation, die direkt an rassenhygienisches Denken anknüpfte.

2018 gab es eine wegweisende Änderung. Seitdem ermöglicht das Bundesarchiv eine personenbezogene Suche in einer Online-Datenbank, die auf den Namen von etwa 30.000 Opfern der "Aktion T4" basiert. Zwar nur ein Bruchteil, aber immerhin ein Anfang! Mit der Nennung der Namen wurde eine unheilvolle Kontinuität durchbrochen. Es war ein wichtiger Schritt, um die Opfer in das familiäre und kollektive Gedächtnis zurückzuholen und zugleich ein Beitrag zur Entstigmatisierung von Menschen, die heute von Behinderung oder psychischer Erkrankung betroffen sind. Es bleibt zu hoffen, dass andere Archive und Institutionen – soweit noch nicht geschehen - dieser Praxis folgen werden.

- siehe Namensnennung von "Euthanasie"-Opfern

 

Gedenkstätten

Nachdem man sich jahrzehntelang auf allen gesellschaftlichen Ebenen gegen die Übernahme von Verantwortung gesperrt hatte, weisen nicht nur die Bemühungen rund um die Namensnennung auf eine Veränderung der deutschen Erinnerungskultur hin. Ich habe den Eindruck, dass sich die Wahrnehmung der "Euthanasie"-Verbrechen im öffentlichen und politischen Bewusstsein in den letzten Jahren deutlich zum Positiven verändert hat. Es zeichnet sich überall im Land ein Wandel ab, der sich in Medien, in zahllosen Aktivitäten auf regionaler und lokaler Ebene, in Gedenkveranstaltungen oder Ausstellungen widerspiegelt. Von dieser Veränderung zeugt auch das stetig wachsende Interesse an der Arbeit der Gedenkstätten, in denen eine vielfältige und dankenswerte Erinnerungsarbeit vor Ort und digital geleistet wird.

- Brandenburg an der Havel Brandenburg

- Grafeneck Baden-Württemberg*

- Hartheim Österreich

- Sonnenstein/Pirna Sachsen

- Bernburg Sachsen-Anhalt 
- Stiftung Gedenkstätten (sachsen-anhalt.de)

- Hadamar Hessen

* Film über die "Aktion T4" mit Schwerpunkt Grafeneck Massenmord in Kliniken - Euthanasie im Dritten Reich

 

Gedenken im digitalen Raum und inklusive Ansätze in der Erinnerungsarbeit

In einer Welt zunehmender Digitalisierung und Vernetzung beeinflussen digitale Medien natürlich unser Verständnis der Vergangenheit und schaffen neue Formen des Erinnerns. Bedingt durch die Pandemie hat nicht nur das Gedenken im digitalen Raum stark zugenommen, es gibt erfreulicherweise auch immer mehr Projekte, die einen inklusiven Ansatz verfolgen.

Meines Wissens war das seit 2011 existierende virtuelle Informations- und Gedenkportal www.gedenkort-t4.eu eine der ersten Internetseiten, die nicht nur umfangreiche geschichtliche Fakten zum Thema der nationalsozialistischen "Euthanasie" präsentiert, sondern Brücken zu Themen der Gegenwart und Zukunft schlägt. Bis heute erreicht dieses Internetangebot deutschland- und europaweit viele Menschen. Ein wesentlicher Bestandteil ist die Erinnerung an die Opfer - wachgehalten durch nahezu 200 Biografien (Stand 2022).

2017 startete Julia Gilfert (Frick) unter der Überschrift "Das Schweigen brechen" eine  Interview-Reihe mit Angehörigen von "Euthanasie"-Opfern.

2021 gab es den ersten Gedenkort-T4-Podcast. In dem Gespräch mit Gabriele Lübke geht es um die Geschichte ihrer Großmutter Rosa Schillings Rosa Schillings, die in Hadamar ermordet wurde.

Hier einige Projekte und Initiativen, die teilweise eng mit Gedenkort-T4.eu verbunden sind, und für die Vielfalt und Inklusion nicht leere Worthülsen sind:

  • Förderkreis Gedenkort T4
    Der Verein will den Berliner Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie"-Morde im öffentlichen Bewusstsein verankern. Ein besonderes Anliegen ist, die Sichtweise von Menschen mit Behinderung und körperlichen und psychischen Einschränkungen sowie der Angehörigen von Ermordeten einzubringen. - siehe inklusive Workshops "T4" 2022

  • andersartig gedenken on stage - Theater gegen das Vergessen
    Der bundesweite Wettbewerb für Schul- und Jugendtheater zu Biographien der Opfer der NS-"Euthanasie"-Verbrechen wurde zum ersten Mal 2015 ausgeschrieben. Seitdem fördert er die persönliche Auseinandersetzung mit Einzelschicksalen von Opfern und baut Brücken zwischen dem Leben der heutigen jungen Generation und der Vergangenheit. Das Projekt unterstützt ausdrücklich Kooperationen zwischen schulischen oder außerschulischen Theatergruppen und Gruppen, die mit Menschen mit Behinderungen arbeiten. Es war mir eine besondere Ehre den Wettbewerb zweimal als Mitglied der Jury zu begleiten.

  • Ganz neue Wege des Lernens und der Annäherung an das Thema NS-"Euthanasie" werden mit dem Online-Spiel Spuren auf Papier beschritten. Es ist Teil  des Projekts "Serious Game der Gedenkstätte Wehnen".

  • Aus der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein berichten zwei junge Frauen in einem Podcast über ihre Arbeit als FSJlerinnen in der Gedenkstätte. Sie verbinden darin die Vergangenheit mit den aktuellen Herausforderungen der Gegenwart. Die Folgen können bei Spotify, Deezer, Amazon Music etc. gehört werden.

  • Die Gedenkstätte Grafeneck bietet Seminare in Leichter Sprache an und hat unter anderem ein Buch über die Geschichte von Grafeneck in Leichter Sprache veröffentlicht. Im Rahmen des Projekts Barrierefreie Gedenkstätte - Bildungsangebote für Menschen mit Lernschwierigkeiten wird unter anderem die Geschichte meiner Tante Anna thematisiert.

  • Auch die barrierearme Website "Geschichte inklusiv" der Gedenkstätte Brandenburg an der Havel ist ein gutes Beispiel für inklusive Arbeit. Die Website ist durchgehend in leichter Sprache gestaltet und wurde von einem inklusiven Team erarbeitet. Sie thematisiert auch den heutigen Umgang mit der Geschichte (u.a. anhand der Geschichte meiner Tante und meiner damit verbundenen Erinnerungsarbeit)

  • Im Mai 2022 wurde die neue Internetseite der Gedenkstätte Hadamar in leichter Sprache präsentiert.

Einfache oder Leichte Sprache

Bevor 2015 mein Buch "Annas Spuren" als Kurzfassung in einfacher Sprache erschien, hatte ich wenig oder kaum Ahnung von dem Konzept der Leichten oder Einfachen Sprache. Inzwischen bin ich zutiefst davon überzeugt. Das Buch ist für Menschen gedacht, denen aus unterschiedlichsten Gründen das Lesen schwer fällt. Ein Teil der Leserschaft ist wie Anna geistig behindert. Sie alle haben ein Recht darauf zu erfahren, was in der Vergangenheit passiert ist. Kurz nach Erscheinen des Buches schrieben mir Schüler*innen einer Schule für Menschen mit einer geistigen Behinderung: "Wir fanden das Buch gut, spannend und auch traurig. Wir können froh sein, dass alle Menschen, auch die mit einer Behinderung, heute ihr Leben leben können und nicht mehr verfolgt werden. Das darf nicht wieder passieren. Wir sind alle Menschen." Eine Rückmeldung, die mich sehr gerührt hat! Besser kann man es nicht ausdrücken.

 

Zeitzeugen und Zweitzeugen

Blick in einen Seminarraum der Topographie d. Terrors, Fotoausschnitt aus dem Film Zeit- und Zweitzeugen (G. Kuhlke)

Topographie des Terrors Berlin

Seit Beginn meiner persönlichen Spurensuche war es mir als Zweitzeugin ein Anliegen, möglichst viele - vor allem junge - Menschen zu erreichen. Wenn ich Annas Geschichte in Schulklassen erzähle, geht es mir nicht darum, mit erhobenem Zeigefinger zu mahnen. Die Jugendlichen sind nicht verantwortlich für die Geschehnisse der Vergangenheit. Aber sie tragen - wie wir alle - Verantwortung für das, was heute und morgen geschieht. Ich habe den Eindruck, dass Annas Geschichte viele Schüler*innen berührt und bin voller Hoffnung, dass ihnen dadurch bewusst wird, dass bestimmte Menschenrechte nicht selbstverständlich sind, sondern dass man sich dafür einsetzen muss.

Da leider immer mehr Stimmen von Zeitzeugen*innen verstummen, ist es wichtig, ihre Geschichten weiterzutragen. In dem Zusammenhang spielt die mediale Aufbereitung der Vergangenheit eine bedeutende Rolle. Ein nachahmenswertes Beispiel ist die verdienstvolle Erinnerungsarbeit von Barbara Keimer und Gerd Kuhlke aus Herten. Die beiden treffen bereits seit den 90er Jahren Zeit- und Zweitzeug*innen von verschiedenen verfolgten Menschengruppen und zeichnen die Gespräche und Interviews filmisch auf. Inzwischen sind viele Berichte online verfügbar und ermöglichen so ein virtuelles Erinnern.

Es war mir eine Freude, ihnen 2017 im Rahmen ihres Projektes Zeit- und Zweitzeugen zu begegnen.

- Film Zeit- und Zweitzeugen (Interview mit S. Falkenstein, Film von Gerd Kuhlke u. Barbara Keimer)

 

Bürgerschaftliches Engagement
Unter dem Strich bleibt festzuhalten, dass der entscheidende Anstoß für viele Erinnerungs- und Gedenkaktivitäten von bürgerschaftlichem Engagement ausgeht und häufig das Verdienst lokaler Initiativen und einzelner Menschen ist. Ein großartiges Beispiel sind die unzähligen Stolperstein Gruppen, deren Arbeit unter dem Motto "Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist" steht. 

Stellvertretend für die zahlreichen deutschlandweiten Erinnerungsaktivitäten, die es ohne das Engagement einzelner Menschen nicht oder nicht so gäbe, seien hier einige Berliner Initiativen genannt, die mich nachhaltig beeindruckt haben:

Runder Tisch zur Umgestaltung der Tiergartenstraße 4

Der ehemalige Standort der "T4"-Villa auf dem Vorplatz der Berliner Philharmonie war lange Zeit ein Symbol für das Schweigen, die gesellschaftliche und politische Ignoranz im Umgang mit den Opfern. 2007 kam es durch bürgerschaftliches Engagement zur Gründung eines Runden Tisches, an dem engagierte Einzelpersonen und Vertreter/innen verschiedener Institutionen zusammenkamen. Der Runde Tisch initiierte verschiedene temporäre Projekte, um den historischen Ort "Tiergartenstraße 4" deutlicher sichtbar zu machen. So stand zum Beispiel das Denkmal der Grauen Busse von Januar 2008 bis Januar 2009 auf dem Vorplatz der Philharmonie.

Das Hauptziel des Runden Tisches war an eine angemessene Umgestaltung des T4 Gedenkortes. "Gefordert sind keine leeren Worte, keine Sonntagsreden und keine abstrakten Denkmale mit Symbolcharakter. Gefordert werden konkrete Schritte zur Aufarbeitung der Vergangenheit. Dazu gehört vor allem - das gilt auch für den an der Tiergartenstraße 4 in Berlin geplanten Erinnerungsort - Aufklärung und Information und damit eine breite gesellschaftliche Bewusstmachung des Geschehenen." (S. Falkenstein, 2008) 

Dank einer breiten Unterstützung aus der Zivilgesellschaft kam es 2014 zur Eröffnung des Gedenk- und Informationsortes für die Opfer der nationalsozialistischen »Euthanasie«-Morde an der Tiergartenstraße. 

Für mich war die Teilnahme am Runden Tisch zur Umgestaltung der Tiergartenstraße in vielerlei Hinsicht eine prägende Erfahrung. Ich habe nicht nur beeindruckende Menschen getroffen, die sich weit über ihr berufliches Engagement hinaus für ein gemeinsames Ziel eingesetzt haben. Ich habe gelernt, dass man als einzelner Mensch etwas bewegen und verändern kann. Man muss sich mit anderen Menschen zusammentun und Netzwerke bilden. Zum Erreichen der Ziele braucht man natürlich auch Personen in verantwortlichen Positionen, sei es in der Politik, in den Medien oder verschiedenen zivilgesellschaftlichen Organisationen. Doch ich habe vor allem erfahren, welch große Bedeutung bürgerschaftlichem Engagement zukommt, und dass es nicht selten einzelne Menschen sind, die es vorantreiben. "Viele kleine Leute, an vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, werden das Antlitz dieser Welt verändern."

 

Deutsche Ärzteschaft

Die deutsche Ärzteschaft stellt sich seit einigen Jahren der eigenen Verantwortung. Kliniken und andere an den Verbrechen beteiligte Institutionen setzen sich zunehmend mit ihrer Geschichte auseinander. Ein Ergebnis der veränderten Haltung ist die von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin initiierte Ausstellung, die seit 2010 in vielen Orten zu sehen war.

Ein weiterer Meilenstein war der Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN), der 2010 erstmals der Erinnerung an die Opfer und der Verantwortung der psychiatrischen Fachgesellschaft gewidmet wurde. Der Psychiater Professor Frank Schneider benannte als damaliger Präsident der DGPPN erstmals offiziell die Verantwortung der Täter, drückte Scham und Trauer aus und bat die Opfer und ihre Familien um Verzeihung für das Leid und Unrecht, das ihnen im Namen der deutschen Psychiatrie angetan wurde. In seine Bitte um Verzeihung schloss er ausdrücklich das lange Schweigen, Verharmlosen und Verdrängen der deutschen Psychiatrie in der Zeit danach ein. Ich konnte als Angehörige an Anna und ihr Schicksal erinnern.

 

Politische Meilensteine auf dem Weg der Erinnerung

In der Politik hat die Forderung nach Würdigung der "Euthanasie"-Opfer zunehmend Gehör gefunden. Das vielleicht augenfälligste Beispiel für einen veränderten Umgang mit der Geschichte der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen ist an der Berliner Tiergartenstraße 4 festzumachen.

2013 erinnerte das Land Berlin mit zahlreichen Aktivitäten im Rahmen des Themenjahres "Zerstörte Vielfalt" an Menschen, die vor der Nazi-Diktatur die Vielfalt der Stadt geprägt und ausgemacht hatten. Im Rahmen des Themenjahres wurde die Ausstellung Tiergartenstraße 4 - Geschichte eines schwierigen Ortes auf dem Vorplatz der Berliner Philharmonie gezeigt, die auch das Schicksal meiner Tante Anna Lehnkering dokumentierte.

Am 2. September 2014 - fast auf den Tag genau 75 Jahre nach Hitlers "Euthanasie"-Erlass - wurde dann der zentrale Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen »Euthanasie«-Morde an der Berliner Tiergartenstraße 4 der Öffentlichkeit übergeben. Ein wichtiger Schritt auf einem langen Weg!

Deutscher Bundestag, 27. Januar 2017Ein weiterer Höhepunkt auf dem Weg zu einem würdigen Gedenken für die Opfer der NS- „Euthanasie“ war zweifellos die Gedenkstunde im Deutschen Bundestag am 27.1.2017, am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

Zum ersten Mal standen die Opfer von "Euthanasie" und Zwangsterilisation im Mittelpunkt der alljährlichen Gedenkstunde.

Ein historisches Ereignis! Für mich außerdem unvergesslich, weil ich an diesem für unsere Geschichte so bedeutsamen Ort mit zwei anderen Rednern stellvertretend für die vielen namenlosen Opfer an Anna erinnern durfte. Sie alle waren Menschen, die lachten und weinten, fröhlich oder traurig waren, sie alle hatten unverwechselbare Persönlichkeiten. An diesem Tag wurde ihnen wenigstens symbolisch etwas von ihrer Identität und Würde zurückgegeben - sozusagen als Akt später Gerechtigkeit. 

Der Koalitionsvertrag der Regierungsfraktionen von 2021 sendet ein positives Signal. Dort heißt es unter der Überschrift Erinnerungskultur: "Wir begreifen Erinnerungskultur als Einsatz für die Demokratie und Weg in eine gemeinsame Zukunft. Wir schützen unsere Gedenkstätten. Die Gedenkstättenkonzeption des Bundes werden wir unter Einbezug des Deutschen Bundestages, der SED-Opferbeauftragten und der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas sowie im Zusammenwirken mit den in diesen Bereichen Aktiven aktualisieren und die Gedenkstättenarbeit auskömmlich finanzieren. Lokale Initiativen wollen wir fördern und Berichte von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen digital zugänglich machen. ... Das Förderprogramm „Jugend erinnert“ wird verstetigt und modernisiert. ... Wir wollen die Opfer der „Euthanasiemorde“ und Zwangssterilisation offiziell als Opfer des Nationalsozialismus anerkennen."

Wir werden die Politiker und Politikerinnen an ihren Taten messen.

Erinnern, Gedenken, Informieren, Lernen

Ich hatte die große Ehre, die Bildhauerin und Autorin Dorothea Buck (1917 - 2019, Nachruf) kennen zu lernen. Von ihr, die selbst als "erbminderwertig" abgestempelt und zwangssterilisiert wurde, stammt der Satz: "Was nicht erinnert wird, kann jederzeit wieder geschehen, wenn die äußeren Lebensumstände sich entscheidend verschlechtern."

Im Verlauf meiner Spurensuche und Erinnerungsarbeit habe ich öfters gehört: "Was sollen die alten Geschichten! Lass doch die Vergangenheit ruhen!" Dem kann ich nur aus tiefster Überzeugung entgegnen: Ich halte es für eine moralische Verpflichtung, an die Menschen zu erinnern, die so unsäglich gelitten haben. Es ist richtig - niemand wird dadurch lebendig, aber indem man an die einzelnen Menschen und ihre Lebensgeschichten erinnert, indem man ihnen Namen und Gesicht zurückgibt, erweist man ihnen Respekt und Ehre, die ihnen jahrzehntelang verweigert wurden.

Der Prozess der Erinnerung beinhaltet jedoch mehr als Gedenken an die Opfer. Wir können, ja, wir müssen aus der Geschichte lernen. Das ist umso dringender erforderlich in Zeiten, in denen menschenverachtende Ideologien von Rechtspopulisten zunehmend an Boden gewinnen.

Die NS-Medizinverbrechen - im Namen der Wissenschaft, von der Mehrheit der Bevölkerung geduldet - waren Ausdruck einer bis zum Letzten getriebenen Radikalisierung und Pervertierung weit verbreiteter Einstellungen und Haltungen gegenüber den „Andersartigen". Wer glaubt, dass solche Haltungen heute keine Rolle mehr spielen, der irrt. Der gesellschaftliche Umgang mit Behinderung, mit Schwäche und Alter, nicht zuletzt mit psychischen Erkrankungen steht nach wie vor auf der Tagesordnung und stellt uns immer wieder vor neue Herausforderungen. Die enormen Fortschritte in der modernen Medizin und die damit verbundenen bioethischen Debatten machen die Definition allgemein verbindlicher, ethischer und rechtlicher Normen nötig. Es ist nicht immer einfach eindeutig Position zu beziehen, zwischen Gut und Böse, zwischen Segen und Fluch der modernen wissenschaftlichen Errungenschaften zu unterscheiden. Bei der Bewältigung dieser schwierigen Aufgabe kann das historische Gedächtnis Hilfestellung leisten.

Der Blick auf die Vergangenheit zeigt, was passieren kann, wenn eine Gesellschaft Menschen nur nach ihrem "Wert" oder "Unwert" bemisst. Sicher müssen wir heute nicht mehr davon ausgehen, dass ein Mensch, der geistig, körperlich oder psychisch krank ist, in einer Anstalt, in der das Töten systematisch vollzogen wird, ermordet wird. Doch je leistungsorientierter eine Gesellschaft ist, umso größer ist die Gefahr, dass so genannte Randgruppen als wirtschaftliche Belastung angesehen und von einer angemessenen Teilhabe an der Gesellschaft ausgegrenzt werden. Es geht darum, Denkstrukturen, die bis heute latent vorhanden sind und die den Umgang mit Abweichung oder schlicht "Andersartigkeit" in Teilen der Gesellschaft bis in die Gegenwart bestimmen, zu erkennen. Indem wir Mechanismen und Denkmuster besser verstehen, die in der Vergangenheit zu einer derartigen Perversion menschlicher Moral und Handelns geführt haben, können wir hoffentlich mit diesem Wissen rechtzeitig Alarmzeichen erkennen und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.

Es sind Einzelschicksale wie das von Anna, die abstraktes historisches Geschehen begreifbar machen, im besten Fall die Herzen der Menschen berühren und dadurch etwas in den Köpfen bewegen. Ihre Geschichte zeigt, wie wichtig es ist, genau hinzusehen, hinzuhören, zu widersprechen und falls nötig zu handeln, wenn einzelne Menschen oder Gruppen nach ihrer Nützlichkeit, ihrem vermeintlichen Wert oder Unwert bemessen werden.

Erinnern heißt Gedenken, aber auch Informieren und Lernen. Erinnern kann uns Maß und Orientierung geben und bei der Gestaltung einer Gesellschaft helfen, die Respekt hat vor dem menschlichen Leben in all seiner Verschiedenheit und Unvollkommenheit, einer Gesellschaft, die auf Toleranz gründet und in der die Achtung der Menschwürde selbstverständlich ist.

Wir alle bestimmen mit unserem Handeln darüber mit, in was für einer Gesellschaft wir heute und morgen leben.


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