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NS "Euthanasie"

Annas Geschichte

Ännes letzte Reise

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Erinnerungsarbeit

Namensnennung

Patientenakten

Bedburg-Hau

Fotos Grafeneck 2006

"Aktion T4" Berlin

Runder Tisch "T4"

Fotos "T4" Ort 2006

Wettbewerb "T4" 2012

Erinnerungsort 2014

 


Biografische Arbeit
von Angehörigen

Sigrid Falkenstein: Annas Spuren
Mitarbeit Prof. Dr. Dr. Schneider

Annas Spuren
in Einfacher Sprache

2015 SWR Planet Wissen: Sendung zur NS-"Euthanasie"
Interview mit Sigrid Falkenstein

Hans Ulrich Dapp: Emma Z. Ein Opfer der Euthanasie

Hans-Ulrich Dapp: Emma Z. Ein Opfer der Euthanasie

 

Die Blumen haben fein geschmeckt

Martin, Daniela: Die Blumen haben fein geschmeckt - Das Leben meiner Urgroßmutter Anna L. (1893-1940) 

Internetseite von Daniela Martin

Maries Akte

Schneider, Kerstin: Maries Akte 

In Memoriam Erna Kronshage

Wieand, Edward:

Erna K. - Mein Lachen ist Weinen.

LeichtFassung des Blogs

4 teens

Kron-Treu: Menschen im Ries

Kron-Treu, Lydia: Menschen im Ries: Eine Familiengeschichte in Zeiten der Unmenschlichkeit

Kron-Treu, Lydia: Der zehnte Teil

Breznik: Das Umstellformat

Breznik, Melitta: Das Umstellformat

Warum haben wir sie nicht retten können?

Selting: Betriebsausflug in die Gaskammer

Selting, Bernhard:
Betriebsausflug in die Gaskammer

Kosemund, Antje:
Sperlingskinder,
VAS Verl. 2011

Traub, Hartmut: Ein Stolperstein für Benjamin, Klartext Verl. 2013

Dunkelmann, Ruth A.: Lina Das kurze Leben eines besonderen Mädchens [Kindle Edition]


Nicht in Buchform

Mehr als 100 Kurzbiografien von Opfern des nationalsozialistischen Krankenmordes teilweise verfasst von Angehörigen

Zyklus für Maria
Ausstellung (geplant) der Malerin Hannah Bischof über ihre Großmutter Maria Fenski

Barbara Stellbrink-Kesy Erinnern ist nichts für einen allein: Irmgard Heiss, ein Opfer der T4-Aktion 1939 – 45

WALTER FRICK - Komponist, Dirigent. Euthanasieopfer.
Ein Buchprojekt seiner Enkelin Julia Frick
 

Bunk, Alfons Wendelsheim gedenkt des Todes von Karl Eugen Albus (neckar.chronik.de)

Köhler-Hertweck, Goswinde Wer hat Onkel Ernst ermordet? (Stuttgarter Zeitung)

Küchelmann, Hans-Christian Traudis Erben (taz, 2010)

van Hasseln, Gerhard Vertuschung des Massenmordes - Hermine Stogniew (FAZ)

Völker, Renate Als arbeitsunfähig erachtet und ermordet (Stuttarter Nachrichten, 2010

SWR Video (bis August 2015)

Gabriele Bußmann über das Schicksal ihrer Großmutter Rosa, die in Klingenmünster ermordet wurde


Lebensgeschichten aufgeschrieben von Nicht-Familienangehörigen

Martin, Elke (Hrsg.): Verlegt, Krankenmorde 1940-41 am Beispiel der Region Stuttgart, Verl. Peter Grohmann, 2011, Bestellkarte

Domes, Robert: Nebel im August - Die Lebensgeschichte von Ernst Lossa

Hemmann, Tino: Hugo. Der unwerte Schatz. Erzählung einer Kindheit

Krischer, Markus: Kinderhaus, Leben und Ermordung des Mädchens Edith Hecht

Sondermann, Regine: Kunst ohne Kompromiss: Die Malerin Elfriede Lohse-Wächtler 1899-1940

Der Heusel-Rein: Betzinger Eulenspiegel und Dorf-Unikum

Heimkinder - Insassen hinter Mauern, Die Geschichte von Paul Brune

Erinnerungsarbeit Gegen das Vergessen

Das Vergessen der Vernichtung ist Teil der Vernichtung selbst.
Jean Baudrillard


Gesellschaftliche Erinnerungsarbeit nach 1945

Nachdem ich vor einigen Jahren erfahren hatte, dass meine Tante Anna Opfer der NS-„Euthanasie“ geworden war, begann ich Spuren ihres Lebens zu suchen. Erschreckt musste ich feststellen, dass die Erinnerung an Anna - nicht nur in ihrer Familie - ausgelöscht war. Vermutlich wüsste ich ohne dieses Schlüsselerlebnis immer noch genauso wenig über das Ausmaß der nationalsozialistischen Medizinverbrechen wie die Mehrzahl der Bevölkerung. Im Laufe meiner Erinnerungsarbeit fand ich heraus, dass Zwangssterilisation und "Euthanasie"-Verbrechen insgesamt aus dem kollektiven Gedächtnis unserer Gesellschaft verdrängt worden waren und dass Tabuisierung und Verschweigen lange Zeit die geschichtliche Aufarbeitung und ein angemessenes Gedenken für die vielen hunderttausend Opfer der NS-Medizinverbrechen verhindert hatten.

Natürlich habe ich mich nach dieser schockierenden Erkenntnis gefragt, warum das so ist und habe verschiedenen Antworten auf meine Frage gefunden. Ideologie und Praxis der nationalsozialistischen Rassenhygiene haben als historische Erfahrung in den betroffenen Familien und in der deutschen Gesellschaft Spuren hinterlassen. Das Verdrängen und Verschweigen in den Familien ist Spiegel des gesellschaftlichen Verdrängungsprozesses und vice versa.

Die in weiten Teilen der Gesellschaft verankerte Akzeptanz rassenhygienischer (eugenischer) Maßnahmen führte dazu, dass sich die Diskriminierung der Opfer und ihrer Familien nach 1945 fortsetzte. Das Stigma eines „Erbleidens“ und die damit verbundene „Minderwertigkeit“ lösten in vielen Familien Scham aus und verhinderten jahrzehntelang – wie in meiner Familie - eine aktive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Für viele obrigkeitsgläubige Menschen spielte sicher eine Rolle, dass Justiz und Verwaltung die Ermordung der geistig und körperlich Behinderten scheinbar legitimiert hatten. Auch wurde das Verschweigen der Verbrechen dadurch begünstigt, dass die Opfer in weiten Teilen der Bevölkerung als soziale Randgruppe gesehen wurden. Im Gegensatz dazu konnten die Täter, die überwiegend zu Berufsgruppen mit hohem Sozialprestige gehörten, oft unbehelligt und straffrei ihre Karrieren fortsetzen.

Im Verlauf meiner Spurensuche habe ich manchmal gehört: "Was sollen die alten Geschichten! Lass doch die Vergangenheit ruhen!" Dem kann ich nur entgegnen: Ich halte es für eine moralische Verpflichtung, an die Menschen zu erinnern, die so unsäglich gelitten haben. Es ist richtig - niemand wird dadurch lebendig, aber indem man an die einzelnen Menschen und ihre Lebensgeschichten erinnert, indem man ihnen Namen und Gesicht zurückgibt, erweist man ihnen Respekt und Ehre, die ihnen jahrzehntelang verweigert wurden und gibt ihnen damit ein Stück ihrer Würde zurück.

Der Prozess der Erinnerung beinhaltet jedoch mehr als Trauer und Gedenken an die Opfer. Die Aufarbeitung  unserer Geschichte kann als Brücke zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bei der Gestaltung einer demokratischen Gesellschaft helfen, die zuallererst der Würde des Menschen verpflichtet ist. Der Blick auf die Vergangenheit zeigt, was passieren kann, wenn eine Gesellschaft Menschen nur nach ihrem „Wert“ und „Unwert“, also nach ihrem Nutzwert bemisst.

Ich hatte die große Ehre, die Bildhauerin und Autorin Dorothea Buck kennenzulernen. Von ihr, die selbst als „minderwertig“ abgestempelt zwangssterilisiert wurde, stammt der Satz: „Was nicht erinnert wird, kann jederzeit wieder geschehen, wenn die äußeren Lebensumstände sich entscheidend verschlechtern.“

Der gesellschaftliche Umgang mit Behinderung, mit Schwäche und Alter, nicht zuletzt mit psychischen Erkrankungen steht nach wie vor auf der Tagesordnung. Sicher müssen wir heute nicht mehr davon ausgehen, dass ein Mensch, der geistig, körperlich oder psychisch krank ist, in einer Anstalt, in der das Töten systematisch  vollzogen wird, ermordet wird.

Dorothea Buck 9/2008

Doch je leistungsorientierter eine Gesellschaft ist, umso größer ist die Gefahr, dass sogenannte Randgruppen wie Behinderte, aber auch alte Menschen, Arbeitslose oder Migranten nur noch als wirtschaftliche Belastung angesehen und von einer angemessenen Teilhabe an der Gesellschaft ausgegrenzt werden. Die NS-Medizinverbrechen waren Ausdruck einer bis zum letzten getriebenen Radikalisierung und Pervertierung weit verbreiteter Einstellungen und Haltungen gegenüber den „Behinderten" und „Andersartigen". Wer glaubt, dass solche Haltungen heute keine Rolle mehr spielen, der irrt

Die Medien überfluten uns tagtäglich mit Menschenbildern, in denen der schöne, starke, gesunde, junge Mensch zählt. Die enormen Fortschritte in der modernen Biomedizin und die damit verbundenen bioethischen Debatten  (Sterbehilfe, Organzüchtung, „Kinder nach Maß“) machen die Definition allgemein verbindlicher, ethischer und rechtlicher Normen nötig.

Es ist nicht immer einfach, eindeutig Position zu beziehen, zwischen Gut und Böse, zwischen Segen und Fluch der  modernen wissenschaftlichen Errungenschaften zu unterscheiden. Bei der Bewältigung dieser schwierigen Aufgabe kann das historische Gedächtnis Hilfestellung leisten. Die Erinnerung an die schrecklichen Verbrechen, die damals  – im Namen der Wissenschaft, von der Mehrheit der Bevölkerung geduldet - an den Opfern der NS-Medizinverbrechen verübt wurden, kann uns Maß und Orientierung für die heutigen Debatten bieten. Die Aufarbeitung der NS-Medizinverbrechen ist wichtig, um eine öffentlichkeitswirksame, breite Diskussion in unserer Gesellschaft anzustoßen. Es geht darum, Denkstrukturen, die bis heute latent vorhanden sind und die den Umgang mit Abweichung und Behinderung in Teilen der Gesellschaft bis in die Gegenwart bestimmen, zu erkennen und dagegen zu arbeiten. Indem wir die Mechanismen und Denkmuster besser verstehen, die zu einer derartigen Perversion menschlicher Moral und Handelns führten, können wir hoffentlich mit diesem Wissen rechtzeitig Alarmzeichen erkennen und so jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.

Die Erfahrungen der letzten Jahre lassen mich hoffen, dass die Zeit reif ist für einen veränderten Umgang mit der Geschichte. Eine neue Generation, nicht verstrickt in die Verbrechen, machte es beispielsweise möglich, dass Anna und die anderen Opfer aus Bedburg-Hau Namen und Gesicht wiederbekommen haben! In den Gedenkstätten der ehemaligen „Euthanasie"-Anstalten wird seit Jahren hervorragende Arbeit geleistet. In den letzten Jahren kamen verstärkt historische Forschung und Bildungsarbeit hinzu.

Es bleibt jedoch festzuhalten, dass der Anstoß für gesellschaftliche Erinnerungsarbeit vor allem auf bürgerschaftliches Engagement zurückzuführen ist und häufig das Verdienst kleiner, lokaler Initiativen und einzelner Menschen ist. Stellvertretend seien hier genannt: der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener, die Bürgeraktion "Spur der Erinnerung", die unzähligen Stolperstein-Initiativen, der Bund der "Euthanasie"-Geschädigten und Zwangssterilisierten oder der Verein „TOTGESCHWIEGEN, 1933 – 1945. Zur Geschichte der Wittenauer Heilstätten“.

Erinnerungsarbeit von Angehörigen

Seit einigen Jahren rückt die Perspektive der Opfer und ihrer Angehörigen stärker in das öffentliche Blickfeld. Das hat vermutlich einerseits mit dem Generationenwechsel zu tun, der durch einen größeren zeitlichen Abstand zu den Geschehnissen einen unbefangeneren Umgang mit dem Thema ermöglicht. Andererseits halte ich dies auch für eine Folge der vielfältigen Möglichkeiten von vernetzter Information und Kommunikation, die das Internet bietet. Seitdem ich 2004 Annas Lebensgeschichte im Internet veröffentlicht habe, bekomme ich immer wieder Zuschriften - darunter eine große Anzahl von anderen betroffenen Angehörigen.

Es spricht für eine Veränderung der Erinnerungskultur, dass sich immer mehr Angehörige mit den Lebensgeschichten ihrer ermordeten Verwandten auseinandersetzen und ihre Familiengeschichten aufarbeiten. Nicht selten setzen sie sich damit gegen immer noch existierende Widerstände über die jahrzehntelange Tabuisierung des Themas in Gesellschaft und Familie hinweg. Der Umgang mit „Euthanasie“ und Zwangssterilisation in den betroffenen Familien ist teilweise bis heute geprägt von Unsicherheit (Ist die Krankheit erblich?), von Scham (Leben mit dem Stigma der „erblichen Minderwertigkeit“) und Schuld (Warum haben wir unsere Angehörigen nicht geschützt? Warum haben wir geschwiegen?).

Diesen Teufelskreis gilt es zu durchbrechen! Schweigen und Verdrängen machen krank! Wer – wenn nicht wir als Angehörige – könnte glaubwürdiger bezeugen, dass die Opfer keine anonyme Masse waren?! Wer – wenn nicht wir – wäre besser geeignet, ihnen Gesicht und Namen zurückgeben? Indem wir die Anonymisierung aufheben, geben wir unseren ermordeten Verwandten ihre Identität und etwas von ihrer Würde zurück. Über das Gedenken hinaus können wir aber auch mit der Erinnerung an ihre Lebensgeschichten die Geschichte unserer Gesellschaft sichtbar machen und auf diese Weise vielleicht dazu beitragen, dass sich Derartiges nie wiederholen möge!

Die Internetplattform http://www.gedenkort-t4.eu ist ein virtuelles Mahnmal zum Thema NS-„Euthanasie“. Ein wichtiger Bestandteil ist die Erinnerung an Einzelschicksale von Opfern der „Euthanasie"-Verbrechen. Inzwischen sind zahlreiche Familienangehörige dem dort veröffentlichten Aufruf gefolgt und haben über ihre Familiengeschichten bzw. die Lebensgeschichten ihrer ermordeten Familienmitglieder berichtet. 

Video-Interview (S. Falkenstein)

Mehr zur Frage der Namensnennung von "Euthanasie"-Opfern

Erinnerung und Gedenken an Anna Lehnkering  

Stolperstein für Anna, Opfer der NS-Euthanasie

2009 Ein Stolperstein für Anna

"Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist." Getreu diesem Motto erinnert seit 2009 ein Stolperstein an Anna. mehr »

AK Stolpersteine in Mülheim a.d. Ruhr


Das Buch über Anna und meine Spurensuche

Der Psychiater Frank Schneider, der maßgeblich an der Aufarbeitung der Geschichte seines Berufsstandes beteiligt war, bewegte mich dazu, ein Buch über Annas Lebensgeschichte zu schreiben und unterstützte mich dabei.

2012 erschien das Buch Annas Spuren. Ein Opfer der NS-"Euthanasie" unter seiner Mitarbeit im Herbig Verlag, München. Das Buch stellt Annas Schicksal in einen größeren geschichtlichen Kontext und versucht, hinter ihrer individuellen Lebensgeschichte und meiner Spurensuche die gesellschaftlichen Zusammenhänge sichtbar zu machen.


2015 erschien das Buch "Annas Spuren" als Kurzfassung in Einfacher Sprache im Spaß am Lesen Verlag, Münster.

Der Verlag gibt Lesestoff für Menschen heraus, "denen das Lesen schwer fällt: zum Beispiel Menschen mit Behinderungen, niedrigem Bildungsniveau oder mit Deutsch als Fremdsprache, damit auch sie über Aktuelles oder Wissenswertes mitreden können."


"Ännes letzte Reise" - Installation der Erinnerung

Seit 2009 erinnert  die Photo-Projektion „Ännes letzte Reise" von Ulrike Oeter im Klinik-Museum von Bedburg-Hau an Anna.

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"Ännes letzte Reise" - Theaterstück

Seit 2012 erinnert das Kinder- und Jugendtheater mini-art aus Bedburg-Hau an Anna. mehr »

Auf der Internetseite des Theaters heißt es: »Wir glauben, dass Gegenwart ohne die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nicht wirklich zu verstehen ist und Zukunft nicht bewusst gestaltet werden kann. Deshalb ist dieses Stück auch eine Parabel für die Achtung der Menschenrechte, für den Umgang mit dem Anderen und für die Frage nach dem ‘Wert’ eines Menschen. In diesem Zusammenhang spielt die Frage der Abwertung anderer, der Ablehnung von allem, was nicht in die Norm passt, was anders und fremd ist eine bestürzend aktuelle Rolle.«


2013 Ausstellung "Tiergartenstraße 4 - Geschichte eines schwierigen Ortes"

Die temporäre Ausstellung (heute Wanderausstellung) verknüpft die Geschichte der Adresse Tiergartenstraße 4 und die bürokratische Organisation des Krankenmordes mit dem Lebensweg von Anna.  mehr »


2014 zentraler Gedenk- und Informationsort für die Opfer der NS »Euthanasie«-Morde an der Tiergartenstraße 4 in Berlin

Annas Biografie ist eine von zehn exemplarischen Opferbiografien, die stellvertretend an die unterschiedlichen Lebensschicksale von "Euthanasie"-Opfer erinnern. mehr »  


Annas Geschichte in Schulbüchern

Das Thema NS-"Euthanasie" hat inzwischen auch Eingang in deutsche Schulbücher gefunden. In einigen wird das Schicksal von Anna als exemplarisch für den Umgang mit Behinderten während der NS-Zeit dargestellt.

Anna auf Wikipedia

Erinnerung und Verantwortung - Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN)

2010 Gedenkveranstaltung der DGPPN in Berlin

Ein gutes Beispiel für Erinnerungsarbeit ist die Gedenkveranstaltung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde, die am 26. November 2010 im Berliner ICC stattfand. Der Psychiater Prof. Dr. Dr. Frank Schneider benannte als damaliger Präsident der DGPPN erstmals offiziell die Verantwortung der Täter, drückte Scham und Trauer aus und bat die Opfer und ihre Familien um Verzeihung für das Leid und Unrecht, das ihnen im Namen der deutschen Psychiatrie angetan wurde. In seine Bitte um Verzeihung schloss er ausdrücklich das lange Schweigen, Verharmlosen und Verdrängen der deutschen Psychiatrie in der Zeit danach ein. Es war eine glaubwürdige und bewegende Rede.

Ich habe dort als Angehörige über die NS-„Euthanasie“ und Zwangssterilisation im Familiengedächtnis gesprochen.


2014 Wanderausstellung der DGPPN

Die Ausstellung erfasst, verfolgt, vernichtet. Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus, die im Auftrag der DGPPN erstellt wurde, rückt kranke und behinderte Menschen als NS-Opfer ins Zentrum. Seitdem die Ausstellung im Januar 2014 im Deutschen Bundestag eröffnet wurde, haben sie viele tausend Menschen im In- und Ausland gesehen.

Der Deutsche Bundestag

Im Laufe meiner Erinnerungsarbeit habe ich viele Briefe und Petitionen verfasst. 2012 schrieb ich auf dieser Internetseite: "Leider hat der Deutsche Bundestag sein 1999 anlässlich des Beschlusses über die Errichtung des Holocaust-Mahnmals gegebene Versprechen „der anderen Opfer des Nationalsozialismus würdig zu gedenken" noch immer nicht eingelöst. Obwohl es in der Gedenkstättenkonzeption des Bundes von 2008 heißt, dass der nationalsozialistische Mord an Behinderten zu unserem kollektiven Gedächtnis gehöre und Teil des nationalen Gedenkens sei, werden im Abschnitt über die besondere Situation der Hauptstadt Berlin nur das Denkmal für die ermordeten Juden Europas, das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen, das Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma erwähnt. Der Erinnerungsort für die Opfer der NS-Medizinverbrechen fehlt! Und das mehr als 70 Jahre nach Beginn der Krankenmorde und fast 77 Jahre nach Erlass des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, das Menschen mit Behinderungen zu den ersten Verfolgten des NS-Regimes machte.

In den Gesamtkontext gehört auch, dass der Deutsche Bundestag das Erbgesundheitsgesetz erst 2007!! zu einem NS-Unrechtsgesetz erklärt hat, das mit dem Grundgesetz unvereinbar ist. Das Deutsche Parlament hat historische Schuld auf sich geladen, indem es dem Täter Werner Villinger als Gutachter des Wiedergutmachungsausschusses folgte. Villinger wendete sich vehement gegen eine finanzielle Entschädigung "seiner" Opfer und verunglimpfte ihr Begehren als "Entschädigungsneurose". Unfassbar - der Täter Werner Villinger erhielt später das Große Bundesverdienstkreuz! Den Opfern und ihren Angehörigen aber wurde über viele Jahre nach Kriegsende weiterhin Leid und Unrecht zugefügt.

Am 27. Januar 2011, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, stimmten zwar alle Parteien einem Antrag zu Entschädigungsleistungen für Opfer der Zwangssterilisierung und der „Euthanasie“ in der Zeit des Nationalsozialismus zu. Doch das Plenum war fast leer und wieder einmal wurde die historische Chance vertan, die Opfer als rassisch Verfolgte anzuerkennen. So sind sie bis heute den anderen NS-Verfolgten nicht gleichgestellt. Es ist allerhöchste Zeit, das zu ändern, bevor die letzten direkt Betroffenen gestorben sind. 

Gefordert sind keine leeren Worte, keine Sonntagsreden und auch keine abstrakten Denkmale mit Symbolcharakter. Gefordert werden konkrete Schritte zur Aufarbeitung der Vergangenheit. Dazu gehört vor allem - das gilt auch für den an der Tiergartenstraße 4 in Berlin geplanten Erinnerungsort - Aufklärung und Information und damit eine breite gesellschaftliche Bewusstmachung des Geschehenen. Denn es gibt kein Verständnis von Gegenwart und Zukunft ohne Erinnerung an die Vergangenheit!"

S. Falkenstein, Berlin 2012


Nachtrag 2014

Am 2. September 2014 - fast auf den Tag genau 75 Jahre nach Hitlers „Euthanasie“-Erlass - wurde der zentrale Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen »Euthanasie«-Morde an der Berliner Tiergartenstraße 4 der Öffentlichkeit übergeben. Ein wichtiger Schritt auf einem langen Weg.   mehr »


Informationen zum Umgang mit "Euthanasie" und Zwangssterilisation nach 1945 Arbeitsgemeinschaft Bund der "Euthanasie"-Geschädigten und Zwangssterilisierten


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