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Aktuell

29. Juni 2016
Topographie des Terrors
in Berlin

Zusammenfassung der Tagung auf gedenkort-t4.eu

Gedenken und Datenschutz im Zusammenhang mit der öffentlichen Nennung der Namen von NS-Opfern in Ausstellungen, Gedenkbüchern und Datenbanken

Veranstaltung der Stiftungen Denkmal für die ermordeten Juden Europas und Topographie des Terrors in Zusammenarbeit mit dem Bundesarchiv, gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien
Flyer - Anmeldung

 
Aktivitäten
29. August 2015
Frankfurter Rundschau
28. August 2015
Berliner Zeitung u.
Mitteldeutsche Zeitung
1. August 2015
Weilburger Tageblatt

25. 2. 2015

Petition: "Bundesarchivgesetz - Den Euthanasieopfern ihre Namen wiedergeben"
Pet. 3-18-04-22120-018072 Petition an den Deutschen Bundestag  (PDF)

17. September 2015
Unterstützende Resolution
des Runden Tisches zur Tiergartenstraße 4
  (PDF)
blog.gedenkort.t4.eu

28.8.2014
Veranstaltung Stiftung Topographie des Terrors

Den Namenlosen einen Namen geben – die Namensnennung von „Euthanasie“-Opfern aus juristischer Sicht

Juristisches Gutachen
von Dr. Erhardt Körting

15.11.2013
Tagung in München zur Frage der Namensnennung

Aufruf: Den "Euthanasie"-Opfern ihre Namen zurückgeben

 

2015 Petition an den Deutschen Bundestag
Bundesarchivgesetz, "Euthanasie"-Opfern ihren Namen wiedergeben 

Jeder Mensch hat einen Namen. Dieser ist eng verbunden mit seiner Persönlichkeit, seiner Identität und seinem Lebensschicksal. Wer einem Menschen seinen Namen vorenthält, der beraubt ihn seiner Identität und seiner Menschenwürde. Wer den Opfern ihren Namen nimmt, tötet sie im Sinne des Vergessens erneut. Gerade für jüdische Mitbürger ist es wichtig, dass der Name eines Menschen genannt wird, um ihn in Erinnerung zu halten. Bei den Opfern der NS-„Euthanasie“ ist die Situation jedoch anders.“ So beginnt eine Petition an den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages, die die “Aktualisierung, Modernisierung und Humanisierung des Bundesarchivgesetzes” fordert und im Februar 2015 eingereicht wurde. Es geht um das namentliche Gedenken an die Opfer der NS-"Euthanasie", das durch Datenschutzvorschriften und Archivregelungen erschwert und verhindert wird. Die Petition wird von vielen Seiten - darunter von zahlreichen Angehörigen - unterstützt.  

„Es ist an der Zeit, die Ermordeten namentlich zu ehren und ihnen damit einen Teil ihrer Individualität und menschlichen Würde wenigstens symbolisch zurückzugeben“, schreibt der Historiker Götz Aly.Wer“, so fragt er, „hat nicht im weiteren Familienkreis einen, der von der Norm abweicht? Ist das eine Schande? Ist es nicht vielmehr schändlich, die Namen von Opfern der Gewaltherrschaft zu unterschlagen? (Götz Aly, Die Belasteten, Frankfurt 2013)


Aktueller Zwischenstand

Das Bundesarchiv unterliegt der Fachaufsicht der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Monika Grütters. Im Mai 2015 erhielt der Petent einen Zwischenbescheid aus dem Hause der Staatsministerin:

„... Mit Blick auf die Bedeutung eines auch namentlichen Gedenkens an die Opfer der NS-Euthanasie und einer umfassenden Aufarbeitung der Umstände der „Euthanasie“-Morde werde ich gemeinsam mit dem Bundesarchiv und unter Hinzuziehung der Beauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit prüfen, inwieweit die bisherige Praxis dem gerecht wird und eine Änderung derselben geboten erscheint."

Nachdem ich Kenntnis von der Petition hatte, schickte ich ein Schreiben an Frau Grütters und bat sie, sich für eine Änderung der bisherigen Praxis einzusetzen. Am 2. November 2015 erreichte mich die folgende Antwort:

"... Die von BKM initiierte Prüfung unter Beteiligung des Bundesarchivs und der Beauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit hat ergeben, dass eine Änderung der bisher restriktiven Benutzungspraxis des Bundesarchivs in Bezug auf dort vorhandene Archivgut zu Opfern der NS-Euthanasie grundsätzlich geboten erscheint. Es hat sich allerdings auch gezeigt, dass der angemessene Umgang mit den Daten sehr einzelfallgeprägt ist und einer sensiblen Abwägung bedarf, bis zu welchem Grad einerseits die Freigabe der Daten den Opfern ihre Identität zurückgibt und deren angemessene Würdigung ermöglicht und wie weit andererseits eben doch schutzwürdige Belange für den Schutz bestimmter Daten sprechen. Auf Grundlage dessen werden wir nunmehr eine Fachtagung initiieren, die konkrete, fachlich fundierte Empfehlungen für die künftige Gedenkstättenpraxis entwickeln soll."

 

Fachtagung vom 29. Juni 2016 in Berlin

Die oben angesprochene Fachtagung hat inzwischen unter der Überschrift "Gedenken und Datenschutz im Zusammenhang mit der öffentlichen Nennung der Namen von NS-Opfern in Ausstellungen, Gedenkbüchern und Datenbanken"  stattgefunden. Sie wurde von den Stiftungen Denkmal für die ermordeten Juden Europas und Topographie des Terrors in Zusammenarbeit mit dem Bundesarchiv veranstaltet, gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien. 

- Flyer - Anmeldung

- Ankündigung auf der Internetseite der Bundesregierung

Das erfreuliche Ergebnis der Konferenz war - anders als noch vor wenigen Jahren in München - ein mehrheitlicher Konsens darüber, dass die öffentliche Nennung von Namen, Geburtsort und Geburtsdatum von "Euthanasie"-Opfern in rechtlicher und ethischer Hinsicht möglich und auch wünschenswert ist.

Es bleibt zu hoffen, dass nun seitens der Politik Maßnahmen ergriffen werden, die in absehbarer Zeit zu einer Änderung der bestehenden Gesetzeslage führen.
Mehr zur Tagung hier:

- www.gedenkort-t4.eu

- Bundesarchiv

- Rede der Staatsministerin Monika Grütters
 

Persönlicher Rückblick

Mir war es 2003 dank einer - nach deutschem Recht illegalen - Internet-Namensliste von Opfern der nationalsozialistischen „Euthanasie"-Aktion möglich, das Schicksal meiner Tante zu recherchieren. Heute weiß ich, welch unvorstellbares Unrecht ihr geschehen ist. Das Totschweigen der Vernichtung war Teil dieses Unrechts. Im Laufe meiner Spurensuche habe ich mehrfach erlebt, dass die unterschiedlichen - teils rigiden - Auslegungen von Datenschutzvorschriften zum Verschweigen der Namen beitragen.

Bereits 2004 hatte ich auf dieser Website folgenden Aufruf veröffentlicht: "Gegen das Vergessen und für ein würdiges Gedenken der „Euthanasie"-Opfer aus Bedburg-Hau im Namensbuch der Gedenkstätte Grafeneck!" Auch damals ging es darum, dass "Euthanasie"-Opfer Namen und Gesicht zurückerhalten. Unsägliche datenschutzrechtliche Bedenken verhinderten und verzögerten diesen Prozess jahrelang.  mehr »


Seit 2011 gibt es das Internetportal www.gedenkort-t4.eu. Die Erinnerung an Einzelschicksale von Opfern der „Euthanasie"-Verbrechen ist ein wichtiger Bestandteil dieses virtuellen Mahnmals. Zahlreiche Angehörige sind inzwischen meinem dort veröffentlichten Aufruf gefolgt und zeigen Gesicht und Namen ihrer ermordeten Verwandten. Hier ein Auszug aus dem damaligen Aufruf:

Wer – wenn nicht wir als Angehörige – könnte glaubwürdiger bezeugen, dass die Opfer keine anonyme Masse waren?! Wer – wenn nicht wir – könnte ihnen besser Gesicht und Namen zurückgeben und so dazu beitragen, die Mauern des Schweigens und der Tabuisierung einzureißen? Indem wir die Anonymisierung aufheben, geben wir unseren ermordeten Verwandten ihre Identität und etwas von ihrer Würde zurück. Über das Gedenken hinaus können wir aber auch mit der Erinnerung an ihre Lebensgeschichten die Geschichte unserer Gesellschaft sichtbar machen und auf diese Weise vielleicht dazu beitragen, dass sich Derartiges nie wiederholen möge! (S. Falkenstein, März 2011)

 

2013 folgte mein Plädoyer für die Freigabe der Namen von Opfern der NS-„Euthanasie".

"Das Schicksal meiner Tante wurde jahrzehntelang in der Familie verschwiegen und verdrängt. Wenn ich ihren Namen nicht zufällig auf einer Liste von Opfern der NS-„Euthanasie“ im Internet gefunden hätte, wüsste ich wohl immer noch nicht, dass man Anna 1940 in der Gaskammer von Grafeneck ermordet hat.

Heute weiß ich, welch unvorstellbares Unrecht ihr geschehen ist. Für mich ist das Totschweigen der Vernichtung Teil dieses Unrechts. Dank der - nach deutschem Recht illegalen - Namensliste war es möglich, Annas Schicksal zu recherchieren und ihr einen Platz im Familiengedächtnis zu geben. Indem wir uns an Annas Namen und an ihr Gesicht erinnern, ehren wir sie, und sie erhält wenigstens symbolisch etwas von ihrer Identität und Würde zurück.

Im Laufe der letzten Jahre hatte ich Kontakt mit zahlreichen Menschen, in deren Familien das Thema „Euthanasie“ ebenfalls lange Zeit schamhaft verschwiegen wurde. Nicht wenige empfinden dieses Schweigen als eine Last. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass sich Angehörige der zweiten und dritten Generation zunehmend auf Spurensuche begeben und die Lebensgeschichten ihrer ermordeten Verwandten und damit ihre eigene Familiengeschichte aufarbeiten wollen. Nicht selten setzen sie sich damit gegen immer noch existierende Widerstände - auch in ihren Familien - über die jahrzehntelange Tabuisierung des Themas in der Gesellschaft hinweg. Der Umgang mit „Euthanasie“ und Zwangssterilisation ist in einer Vielzahl von Familien bis heute geprägt von Unsicherheit (Ist die Krankheit erblich?), von Scham (Leben mit dem Stigma der „erblichen Minderwertigkeit“) und Schuld (Warum haben wir unsere Angehörigen nicht geschützt? Warum haben wir geschwiegen?).

Die längst überfällige und auch heilsame Aufarbeitung wird den Angehörigen von Euthanasieopfern nicht leichter gemacht, indem die Veröffentlichung der Namen in einer Datenbank - wie sie für die jüdischen Opfer existiert - von offizieller Seite abgelehnt wird. Unbegreiflich - im Jahr 2013 wird mit Bezug auf Datenschutzrichtlinien unter anderem argumentiert, man möge auf die heute lebenden Verwandten Rücksicht nehmen. Rücksicht worauf? Auf eine mögliche psychische - gar erbliche - Erkrankung in der Familie? Eine solche Argumentation knüpft doch direkt an das eugenische Denken an, das zur Vernichtung der sogenannten Erbkranken führte. Dies bedeutet nicht nur eine fortdauernde Diskriminierung der Opfer, sondern trägt auch zur Stigmatisierung derjenigen bei, die heute von Behinderungen oder psychischen Erkrankungen betroffen sind. Nicht zuletzt werden dadurch die Schwellenängste von Angehörigen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, erhöht.

Eigentlich gibt es doch in jeder Familie Mitglieder, die auf die eine oder andere Art und Weise gesundheitliche Schwächen haben oder nicht der Norm entsprechen? Die Erblichkeit einer Krankheit ist weder ein Grund zur Scham noch zum Verschweigen. Im Gegenteil - es ist wichtig, viele Geschichten wie die von Anna zu erzählen, um zum Nachdenken anzuregen über eine Gesellschaft, die Menschen nach ihrem vermeintlichen "Wert" oder "Unwert" bemisst, um so das Stigma der „Erbminderwertigkeit“ aus dem Weg zu räumen.

Mehr als 70 Jahre nach dem Ende der „Euthanasie“-Verbrechen ist es an der Zeit, die Daten der Ermordeten freizugeben und die vorhandenen Totenbücher in den Gedenkstätten online zu stellen. Dies könnte nicht nur den Familien bei der Aufarbeitung helfen, sondern es wäre gleichzeitig eine Möglichkeit, sich mit diesem Teil unserer Geschichte auseinanderzusetzen und daraus für den gesellschaftlichen Umgang mit Behinderung zu lernen. Denn nur, wenn wir die Mechanismen und Denkmuster verstehen, die zu Ausgrenzung und Stigmatisierung führen, können wir Wiederholungsgefahren entgegenwirken." (S. Falkenstein, Oktober 2013)


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