Stolperstein

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"Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist."


Ein Stolperstein zum Gedenken an Anna

Mit seinem großartigen "Kunstprojekt für Europa" erinnert Gunter Demnig seit 1997 an die Opfer der NS-Zeit. Das Projekt Stolpersteine hält "die Erinnerung an die 1933 bis 1945 erfolgte Vertreibung und Vernichtung der Juden, der Zigeuner, der politisch Verfolgten, der Homosexuellen, der Zeugen Jehovas und der Euthanasieopfer im Nationalsozialismus lebendig". 
Quelle: Website des Künstlers

Am 2. April 2009 verlegte Demnig acht Stolpersteine in Mülheim a.d. Ruhr - einen davon für Anna, einen von inzwischen 19.000 Steinen überall in Europa.

Stolperstein-Verlegung in Mülheim (Ruhr) Saarn Düsseldorfer Str. 38

Donnerstagmittag, halb zwei - es ist relativ ruhig in der sonst so belebten Düsseldorfer Straße. Vermutlich arbeiten die meisten Saarner oder sitzen noch am Mittagstisch. Einige Passanten bleiben stehen und beobachten, was auf dem Bürgersteig vor dem Haus Nr. 38 passiert.

Die Menschen, die dort versammelt sind, schauen auf eine etwa 10 x 10 x 10 Zentimeter große Ausschachtung am Boden. Gunter Demnig, der Mann mit dem auffällig roten Halstuch und dem breitkrempigen Hut,  kniet auf dem Pflaster und verlegt einen  Betonstein mit goldglänzender Messing-Platte, in die eingraviert ist: Hier wohnte Anna Lehnkering, Jg. 1915, ... ermordet 1940 in ... Grafeneck.

Als sich einige "I-Dötzchen" mit Tornistern auf dem Rücken nähern, ist der Bürgersteig von den Umstehenden blockiert. Ein kurzes Zögern - dann bahnt sich eines der Kinder den Weg durch die Ansammlung und fordert die anderen auf, es ihm gleichzutun. Da kommt von einem der Steppkes der Zuruf: „Siehst'e nicht, da is doch ne Beerdigung!

Stolperstein

Mülheim (Ruhr) Saarn
Düsseldorfer Str. 38
google maps

Stolperstein für Anna in Mülheim a.d. Ruhr

Stolperstein für Anna, Opfer der NS-Euthanasie

Das Kind konnte nicht ahnen, wie nah dieser Satz der Wahrheit kam.  Für mich war die Stolperstein-Verlegung ein sehr bewegender, ein geradezu feierlicher Moment, der in seiner Symbolkraft einer Beerdigung gleichkam, vielleicht dadurch verstärkt, dass es nie eine Beerdigung, nie ein Grab Annas gegeben hat, um zu trauern. Der Stolperstein ist zwar kein Grabstein, markiert aber einen konkreten, persönlichen Ort - den letzten Wohnort Annas - und schafft damit eine individuelle Stätte der Erinnerung und des Gedenkens. Als ich an jenem 2. April 2009 neben meinem Vater und meiner Schwester stand und zuhörte, wie Annas Biografie verlesen wurde, als wir die Blumen und Annas Foto neben den Stolperstein legten, hatte ich das Gefühl, dass meine Erinnerungs- und Trauerarbeit, die 2003 begonnen hatte, nun zu einem Abschluss gekommen war. Näher habe ich mich Anna nie gefühlt!

Eine Woche nach der Steinverlegung, am Karfreitag 2009, schrieb mir ein ehemaliger Mitschüler, der in Saarn lebt: „Ich kann Dir versichern, der Stein blinkt im Sonnenlicht. Denn auf dem Weg heute früh zur Dorfkirche kam ich an ihm vorbei und sah ihn von der Sonne beschienen dort leuchten.“ Ein Freund aus Bedburg-Hau, wichtigster Mitstreiter im Kampf gegen das Vergessen, kommentierte diesen Satz folgendermaßen: "gerade an einem tag wie dem heutigen karfreitag erhält solch ein satz einen großen symbolcharakter. niemand ist tot, an den sich erinnert wird. anders ausgedrückt: jeder lebt, an den sich erinnert wird. ÄNNE LEBT, trotz ihres eigenen karfreitags. oder: wegen ihres karfreitags?"

 

Gunter Demnig beim Verlegen eines Stolpersteins

 

Gunter Demnig beim Verlegen eines Stolpersteins

Gunter Demnig bei der Verlegung des Stolpersteins für Anna
am 2. April 2009 in Saarn

 

Gunter Demnig Stolpersteine für Europa

Dank an Gunter Demnig!

Meine Dankesrede anlässlich der Stolpersteinverlegung

Das ist heute ein bewegender Tag für Annas Familie – aber sicher vor allem für meinen Vater, Annas Bruder, der hier zusammen mit ihr seine Jugendjahre verbracht hat. Ich kann nur erahnen, was in ihm vorgeht.

Lassen Sie mich dem Namen auf diesem Stein ein Gesicht hinzufügen. (Foto) Das ist Anna, die in der Familie Änne genannt wurde. Das Bild zeigt sie als fröhliches, junges Mädchen nur wenige Jahre, bevor sie Opfer der NS-„Euthanasie“ wurde.

Änne war eine von etwa 300 000 kranken und wehrlosen Menschen, die von den Nazis als „minderwertig“ und „lebensunwert“ stigmatisiert wurden und an denen die sogenannte „Euthanasie“, zynisch „Gnadentod“ genannt, vollzogen wurde. Hunderttausendfacher Massenmord an wehrlosen Kranken - der Verstand weigert sich, das zu begreifen. Das war keine anonyme Masse, das waren einzelne Menschen, die gedemütigt, verletzt und am Ende vernichtet wurden. Sie alle hatten – wie Änne – ein Gesicht und einen Namen, doch die Erinnerung daran war jahrzehntelang ausgelöscht.

Man hat sich in Deutschland mit der Aufarbeitung der Medizin-Verbrechen schwer getan. Ich glaube nicht, dass es Zufall ist, dass gerade das Schicksal der psychisch Kranken und der Menschen mit Behinderung erst so spät ins öffentliche Bewusstsein gerückt ist. Es gab - und gibt teilweise noch heute - ein geistiges Fundament, auf dem die Rassenideologie der Nazis aufsatteln konnte. Auch nach 1945 wirkten diese weltanschaulichen Grundlagen weiter. Die wenigsten Täter wurden bestraft. Viele setzten ihre Karrieren in „allen Ehren“ fort. Die Erinnerung an die Opfer dagegen wurde verschwiegen und verdrängt. So wurde ihnen noch einmal Unrecht zugefügt.

Es heißt: »Das Vergessen der Vernichtung ist Teil der Vernichtung selbst«. Zum Glück gibt es in dieser Stadt Menschen, die das nicht hinnehmen wollen. Es ist dem Arbeitskreis "Stolpersteine" in der Mülheimer „Initiative für Toleranz“ zu verdanken, dass die Opfer seit einigen Jahren aus der Anonymität in das Bewusstsein der Öffentlichkeit treten, dass auch Änne heute durch diesen Stolperstein ihren Namen und damit ein Stück ihrer Persönlichkeit und ihrer Würde zurückerhält.

Im Namen meiner Familie danke ich - stellvertretend für alle engagierten Mülheimer Bürgerinnen und Bürger - den hier anwesenden Mitgliedern des „Arbeitskreises Stolpersteine“, der Stifterin von Ännes Stein, sowie Ihnen, Frau aus der Beek (Renate aus der Beek vertrat als Bürgermeisterin der Stadt die Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld). In diesen Dank möchte ich ausdrücklich die beiden Schüler Jan-Niklas Haag und Christopher Somplatzki von der Realschule Mellinghofer Straße einschließen, die sich um die Wartung und den Erhalt des Stolpersteines kümmern wollen, „damit Anna nicht vergessen wird.” Diese aktive Beteiligung an der Erinnerungsarbeit durch die junge Generation stimmt an diesem Tag sehr hoffnungsvoll.

Mein ganz besonderer Dank aber gilt dem Künstler Gunter Demnig. Herr Demnig, es ist mir eine Ehre, Sie heute persönlich kennenzulernen. Mit Ihrem „Stolperstein-Projekt gegen das Vergessen“ leisten Sie seit Jahren einen beeindruckenden Beitrag zur deutschen Erinnerungskultur, denn Sie machen Geschichte sichtbar und lebendig und damit begreifbar. Ich bin davon überzeugt, dass es kein Verständnis von Gegenwart und Zukunft gibt ohne Erinnerung an die Vergangenheit! Dieser einzelne Stein hier mag unscheinbar wirken, aber zusammen mit den Tausenden von Stolpersteinen überall in Deutschland setzt er ein unübersehbares Signal gegen Ausgrenzung und Rassismus und für Menschlichkeit und Toleranz in Gegenwart und Zukunft. In diesem Sinne hoffe ich, dass zukünftig viele Menschen über Ännes Stein „stolpern“ und einen Moment innehalten werden, um an Änne zu denken. Ihr Tod wäre dann vielleicht nicht ganz so sinnlos gewesen. Ich danke Ihnen.

S. Falkenstein, 2. April 2009


Nachtrag:

Mein herzlicher Dank geht insbesondere an Friedrich Wilhelm von Gehlen und Hans-Dieter Strunck vom Mülheimer Arbeitskreis Aktion Stolpersteine - nicht nur für die Fotos, sondern auch für ihre persönliche Anteilnahme.

Last not least - ich habe mich gefreut, dass Marion und meine "alten" Schulfreundinnen Ursel und Gudrun dabei waren.

AK Stolpersteine Mülheim/Ruhr

Stadtarchiv Mülheim a.d. Ruhr


Nur wenige Wochen nach der Verlegung des Stolpersteins starb mein Vater Fritz Lehnkering im Alter von fast 89 Jahren. Nachdem auch er jahrzehntelang das Geschehene verdrängt hatte, stellte er sich in den letzten Jahren einem schmerzhaften Erinnerungsprozess. Am Tag der Stolperstein-Verlegung bekannte er erstmalig öffentlich: "Meine Schwester war behindert."

Eine seiner letzten Banküberweisungen war eine Spende für die Verlegung eines weiteren Stolpersteins. Dieser wurde am 2. März 2010 vor dem Nachbarhaus in der Düsseldorfer Str. 36 verlegt. Der Stein erinnert an Otto Müller, der im Alter von 20 Jahren "Euthanasie"-Opfer in Meseritz-Obrawalde wurde. Ob sich die Nachbarn Anna und Otto kannten, weiß niemand. Nun bilden diese beiden ewig jungen Menschen im Tod wahrlich eine Schicksalsgemeinschaft.

Inzwischen gibt es weitere Stolpersteine für Mülheimer Opfer der "Euthanasie", so zum Beispiel der Stein für Benjamin Traub, der in Hadamar ermordet wurde.


Widerstand und Verfolgung in Mülheim an der Ruhr


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